Zur Finissage der Schaufensterausstellung „Wenig muss“ im Kö-Bogen fand bei schönstem Sommerwetter ein Gespräch zwischen Dr. Astrid Legge, Kuratorin und Vorstandsmitglied 701 und dem Künstler Paul Schwaderer statt. 

AL:
Paul, die Ausstellung ‚weniger muss‘ ist die erste Präsentation Deiner Arbeiten im öffentlichen Raum. Zu sehen ist ein ‚multimedialer Reigen‘ bestehend aus Videoarbeiten und skulpturalen Objekten.

Was hat Dich an dem ungewöhnlichen Ausstellungsort gereizt und was waren möglicherweise auch Deine Bedenken?

 

PS:
Der Ort hier zwischen dem Schadowplatz und dem Hofgarten ist sehr spannend. Er bildet eine Art Durchgang, es ist kein Ort, zu dem man bewusst hingeht, sondern einer, an dem man vorbeikommt, jedenfalls wenn man nicht gerade weiß, dass es hier eine Ausstellung zu sehen gibt. Und daraus folgt auch, dass der Besucher hier nicht unbedingt mit Kunst rechnet.

Ein wichtiges Moment von Kunst ist ja ihre Fähigkeit zur Irritation. Kunst kann uns, zumindest für einen Moment, aus unseren gewohnten Sicht- und Denkweisen befreien und gibt uns damit die Chance, die Welt neu und anders zu betrachten. Und naheliegenderweise ist diese Irritation dort am stärksten und am unmittelbarsten, wo wir sie nicht erwarten. Also an einem Ort wie diesem.

Gehen wir in ein Museum, dann rechnen wir damit, mit Kunst konfrontiert zu werden – wir haben ja dafür bezahlt. Im öffentlichen Raum ist das anders. Wir begegnen den Kunstwerken dort eher zufällig und ungeplant, und manchmal ist uns vielleicht gar nicht klar, womit wir es zu tun haben.

Darin sehe ich ein großes Potenzial. Außerdem kann Kunst im öffentlichen Raum natürlich ein ganz anderes Publikum erreichen. Die Kunst ist kostenlos und für jede und jeden sichtbar. Ob er oder sie will oder nicht.

AL:
Beim Anschauen Deiner Arbeiten fällt auf, dass Du als Bildhauer vorzugsweise mit ‚technischen Apparaturen‘ arbeitest, mit digitalen und elektronischen Medien, mit rotierenden Objekten oder LED-Leuchtbändern. Die Flatscreens, Bildschirme und Displays dienen dabei stets als Projektionsfläche für die eigentliche Arbeit. Beim Rundgang bestand Deine Abschlusspräsentation aus einem motorisierten Vorhang, der alle 4 Minuten den Blick frei gab auf ein Video mit einer 3D-animierten Ente.

Wie kommt es zu dieser Materialwahl in Deiner künstlerischen Praxis? 

 

PS:
Meine künstlerische Ausbildung habe ich ja ursprünglich als Fotograf begonnen. In der Fotografie beobachtet oder gestaltet man in der Regel irgendeinen Prozess, und irgendwann im Laufe dieses Prozesses drückt man einen Knopf, und dann hat man ein Bild. Ich habe es oft als unbefriedigend empfunden, im Ergebnis nur den Bruchteil einer Sekunde zu sehen. Es fehlt immer mindestens ein Vorher und ein Nachher. Aber die Welt ist ja nicht so. Ganz grundsätzlich sind die Dinge immer in Bewegung und in Entwicklung.

Überspitzt formuliert könnte man sagen: Es ist entweder anmaßend und größenwahnsinnig oder einfältig zu glauben, man könnte einen Zustand festhalten und etwas schaffen, das länger als einen Augenblick so bleibt wie es ist.

Aus diesem Zweifel am Statischen und am Festhalten hat sich meine Arbeitsweise entwickelt, die immer wieder versucht, die Dinge in Bewegung zu bringen und in Bewegung zu halten. Es geht mir darum, Prozesse und Entwicklungen sichtbar zu machen und dazu eignen sich natürlich künstlerische Methoden und Techniken, die in der Zeit passieren. Entweder in bewegten Bildern – also in Videos, oder in dem sich tatsächlich Objekte bewegen. Ich bin also im Grunde in meiner Materialwahl gar nicht so sehr an einer bestimmten Technik interessiert und darauf festgelegt, sondern mein Material ist Veränderung selbst.

 

AL:
Mit ‚weniger muss‘ hast Du einen sehr sinnfälligen Titel gewählt, der sich wie ein roter Faden durch die ausgestellten Arbeiten zieht, denn sie alle haben etwas mit ‚Reduktion‘ zu tun. Ursprünglich bezieht sich der Titel auf eine hier ausgestellte Arbeit, die Du im letzten Jahr entwickelt hast. 
Was zunächst wie eine Feststellung oder Forderung klingt, sich auf das Wesentliche zu beschränken, ist möglicherweise nur bedingt richtig, denn in einem Statement sagtest Du: ‚ich will weniger Muss‘.

Was meinst Du damit?

 

PS:
In der Arbeit werden ganz viele Fragen gestellt, die alle nach demselben, starren Muster ablaufen: ‚Muss ich dies… Muss ich das… Muss ich… Muss ich… Muss ich‘. Und dann werden einem auch noch Antworten vorgesetzt, die der eine oder andere möglicherweise als Zumutung empfindet, weil er vielleicht anderer Meinung ist, aber durch die Fensterscheiben hindurch kann man nicht mit der Arbeit diskutieren. Und der Künstler ist auch nur selten vor Ort, um das zu klären. Das einzige, was den Betrachtenden übrigbleibt, ist, den Widerspruch zu ihrer inneren Überzeugung auszuhalten, und zu sagen: Nein, muss ich nicht!

Ich verstehe den Satz also als Aufruf zum inneren Widerstand! Ich will nicht müssen.

AL: 
Wie muss ein Mensch beschaffen sein, der sich an die Erforschung der ‚ganz ganz großen Fragen‘ wagt?“ Diese Frage stellst Du in der Arbeit ‚Muss ich ein Loch unter der Erde graben?‘. Deine Beschäftigung mit den ‚großen Sinnfragen‘ der Menschheitsgeschichte: ‚Woher kommen wir, wohin gehen wir?‘ basiert auf der Überlegung, ob Religion, Philosophie oder auch die Kunst möglicherweise als Welterklärungsmodelle ausgedient haben und hat Dich zu der spekulativen Idee inspiriert, eine eigene ‚Welterklärungsmaschine‘ zu bauen – und zwar nach dem Vorbild des berühmten Teilchenbeschleunigers im Forschungszentrum CERN in Genf, welcher tatsächlich auch als ‚WELTMASCHNINE‘ bezeichnet wird mit dem Ziel, den Ursprung unseres Universums zu erforschen.

Kannst Du beschreiben, wie die Vorarbeit dazu aussah und was es mit den Fragen auf sich hat?

 

PS:
Zunächst mal bleibt es bei dieser Arbeit ja eher unklar, worum es eigentlich geht, worauf sich diese Fragen beziehen. Es gibt zwar einen Brief, der hier im Fenster liegt und es erläutert, aber natürlich werden die meisten Betrachtenden erst mal die Fragen und Antworten auf den Bildschirmen lesen und sich ihren eigenen Reim darauf machen – und das ist auch gut so.

Ich werde aber trotzdem gerne erläutern was eigentlich dahintersteckt, und vielleicht wirft das nochmal einen ganz anderen Blick auf die Arbeit:

Was hier zu lesen ist, sind 61 Fragen, die ich einem Forscher für Grundlagenphysik am CERN in Genf gestellt habe, und die er mir mit JA und NEIN beantwortet hat. Die Vorüberlegung dazu war, dass – genau wie du sagst – die klassischen Welterklärungsmodelle von Religion, Philosophie und Kunst möglicherweise etwas in der Krise stecken. Noch nie war die Welt so stark durch Naturwissenschaft und Technologie geprägt wie heute. Ich habe mich also gefragt, wie ich als Künstler da mitmischen kann.

Kann ich selbst einen Teilchenbeschleuniger bauen? Was muss ich dafür tun? Was muss ich dafür lernen? Wie muss ich beschaffen sein, um das leisten zu können? Am Ende frage ist also weniger danach, wie man tatsächlich einen Teilchenbeschleuniger baut, sondern vielmehr danach, wie man als Künstler echten Erkenntnisgewinn erzeugt. Darum geht es im Kern dieser Arbeit.

AL:
klar und deutlich‘ heißt eine andere, auf dem Boden liegende Video-Arbeit und bezieht sich ursprünglich auf die Auseinandersetzung mit einer Rembrandt-Radierung. Man sieht auf dem Display leuchtende LED-Lichter, die eine stilisierte Hand formen und in langsamer Abfolge unterschiedliche Gesten ausführt. Je länger man jedoch hinschaut, desto un-eindeutiger scheinen sie. Du hast sie auch als ‚weiße Flecken‘ in der zwischenmenschlichen Kommunikation ohne Les- und Deutbarkeit beschrieben.

Kannst Du das erläutern?

 

PS:
Meine künstlerische Auseinandersetzung mit Handgesten beginnt eigentlich schon viel früher. Ich habe bereits vor etlichen Jahren damit begonnen, Gipsabgüsse von bestimmten Handgesten zu erzeugen und in meinen Arbeiten zu verwenden. „Bestimmte“ Handgesten stimmt eigentlich nicht ganz, denn es waren eher „unbestimmte“ Handgesten, die mich interessiert haben.

Es gibt ja Gesten, die sich relativ klar in Wortsprache übersetzen lassen: Daumen hoch, das Victory-Zeichen, der gestreckte Mittelfinger… aber manche haben – wie die Wortsprache auch – je nach Kulturkreis unterschiedliche Bedeutungen und Auslegungen. Was beispielsweise bei Tauchern unter Wasser ein ‚alles OK‘ bedeutet, wäre in Italien eine schlimme Beleidigung. Und dann gibt es noch ganz viele Gesten, die sich eben nicht eindeutig in Sprache übersetzen lassen. Das erstaunliche daran ist, dass wir sie trotzdem verwenden und dass sie trotzdem verstanden werden. Das hat mich fasziniert. Sie sind also durchaus lesbar und deutbar, aber nicht einfach in Sprache zu übersetzen. Eine Sprache ohne Worte. Für einen Künstler ein großartiges Medium.

AL:

In der Arbeit ‚Kapitulation I+II‘ sieht man sieht 2 rotierende Porträtbüsten (eine weibliche und eine männliche – die zweite ein Selbstporträt von Dir), die sich schrittweise reduzieren.

Diese fraktale Aufsplitterung des menschlichen Körpers in seine elementaren Grundbausteine führt ja weiterdenkend zu der Frage, was uns Menschen im Kern eigentlich ausmacht und damit auch zur brandaktuellen gesellschaftlichen Debatte um menschliche Identität und Anonymität im digitalen Zeitalter.

PS:
Genau. Die Frage hier ist: Wie viel oder wie wenig Information ist nötig, um eine Person wieder zu erkennen? Wo liegt der Kipppunkt, an dem eine gerade noch erkennbare menschliche Figur zu einer abstrakten geometrischen Form wird? Wie lange kann ich als Betrachter im Verlauf der Reduktion (trotzdem!) noch die Vorstellung eines menschlichen Abbilds aufrechterhalten? Und kann man das, was zuletzt übrig bleibt, als verdichtete Essenz der Figur verstehen, oder handelt es sich nur noch um sinnfreie Datenreste?

In meiner Vorstellung liegt in der Reduktion des klaren und eindeutig bestimmten menschlichen Abbilds auch eine Befreiungshandlung. Weniger Abbild bedeutet eben auch „weniger muss“.

 

AL:
Die ‚ausgedehnte Pause‘, eine mit weißem Pulver gefüllte langsam rotierende Glasröhre, impliziert den Aspekt der ‚Zeit‘ und ihre relative Wahrnehmung.
Trotz des ‚Slow-Motion-Modus‘ der Rolle, wird der Betrachter im ‚Schnelldurchlauf‘ Zeuge eines Phänomens, das an Naturprozesse wie Gletscherbewegungen oder geologische Gesteinsumformungen erinnert.

Was hat Dich zu dieser Arbeit inspiriert?

 

PS:
Ich kann mich noch sehr gut an den Moment erinnern, als mir aufgefallen ist, wie sich manche pulverförmigen Stoffe in Röhren verhalten, wenn man diese dreht. Ich hatte für eine andere Arbeit feine Asche in einem Einmachglas gesammelt und mir diese genauer angesehen. Vielleicht lief irgendwo im Hintergrund eine Nachrichtensendung – abbrechende Gletscher, Erdrutsche, oder ähnliches – jedenfalls fiel mir da auf, wie ähnlich sich dieses Pulver im Glas zu geologischen Prozessen verhält. Und es fiel mir auf, dass es – wie du schon erwähnt hast – ein seltsames zeitliches Missverhältnis gibt: selbst wenn ich die Röhre so langsam drehe, wie ich nur kann: Im Verhältnis zu tatsächlichen geologischen Prozessen ist es immer noch wie ein Zeitraffer. Fast-Forward und Slow-Motion liegen hier ganz nah beisammen. Auf diese zeitliche Diskrepanz bezieht sich auch der Titel der Arbeit: eine ausgedehnte Pause.

Und so habe ich mich entschlossen, diesen Prozess zu isolieren und zu automatisieren. Das Schöne an der Arbeit ist, dass sie sich nie wiederholt. Ich hatte ja ganz zu Anfang mal erwähnt, dass ich glaube, dass die Dinge sich nie wiederholen. Dieser Arbeit gelingt es vielleicht, etwas davon zu zeigen.

 

AL:
Wir leben in einer Zeit der visuellen Reizüberflutung, in der wir tagtäglich von einer Bilder-, Daten- und Informationsfülle förmlich überschwemmt werden. Dies wird hier städtischen Umfeld des KöBogens mehr als deutlich. Durch Deine Ausstellung treffen jetzt Opulenz und Askese als gegensätzliche ‚Spielpartner‘ aufeinander.

Verleiht das möglicherweise Deinen Arbeiten eine neue Ebene?

 

PS:
Wenn Du das in dem Sinne meinst, dass sich daraus eine Art Synergie ergäbe, dann bin ich mir nicht sicher. Ich glaube eher, es sind wohltuende Gegensätze, die hier zusammenkommen. Der Kontrast wird erhöht. Das ist ja auch schon etwas.

AL:
Kann Deine Arbeitsweise der ‚Reduktion‘ in Daten, Sprache, Gestik oder Zeichen möglicherweise als Forderung nach Besinnung auf das Wesentliche und die wirklich wichtigen Dinge im Leben gedeutet werden? 

 

PS:
Ehrlich gesagt: Ich weiß nicht, was das Wesentliche und was die wichtigen Dinge sind. Und wenn ich es wüsste, wäre ich vielleicht besser nicht Künstler geworden. Ich glaube aber, dass die Frage danach und das Fragen im Allgemeinen wichtig sind. Und um Fragen herauszuarbeiten, sie zu spitzen und zu schärfen, muss man vieles weglassen. Daher die eher reduzierte – ich würde sagen konzentrierte – künstlerische Ausdrucksweise, die den Blick auf einzelne, isolierte Phänomene lenkt. Daher die Befreiung von unnötigem Ballast und unnötiger Opulenz. Daher das regelmäßige Fragen stellen und das Infragestellen von Gewissheiten und Routinen. Ich glaube, das bedeutet „weniger muss“.